Die ersten drei Artikel dieser Reihe befassten sich damit, was geschieht, sobald eine erfolgreiche juristische Laufbahn endet oder bereits geendet hat: die Neubetrachtung der Identität, die Benennung der Fähigkeiten, die über die Praxis hinausreichen, und der (Wieder-)Aufbau eines Netzwerks auf persönlicher statt kanzleigebundener Basis. Dieser letzte Artikel stellt eine andere Frage: Was könnten wir tun – ganz nebenbei – schon Jahre, bevor irgendetwas davon notwendig ist?
Erfahrene Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte sind in ihrem Beruf meist außergewöhnlich gut auf (fast) alle Eventualitäten vorbereitet: neue Sachverhalte, sture Gegner, scheiternde Verhandlungen, Krisen kurz vor Fristablauf und vieles mehr. Aber die Beschäftigung mit sich selbst und mit unbequemen persönlichen Situationen wird immer wieder verdrängt – Arbeit geht vor. Der irgendwann notwendige Übergang nach dem „Karriereende“ wird selten mit derselben Umsicht behandelt wie jede andere wichtige berufliche Entscheidung, obwohl er genau das verdient.
Warum „später“ oft zu spät kommt
Nach 20 bis 30 Jahren und mehr als Rechtsanwältin oder Rechtsanwalt hat man gelernt, die Kontrolle zu behalten: über die Mandate, das Team, sich selbst in der eigenen Rolle und weit darüber hinaus. Daher geht man, bewusst oder unbewusst, auch von einer gewissen Kontrolle über das Ende des eigenen Berufslebens aus. In der Praxis liegt ein solches Ende aber selten in der eigenen Hand. De-Equitisierung, eine Fusion, ein Strategiewechsel, Zwangsaltersgrenzen, ein gesundheitliches Ereignis oder anderes können den gedachten Zeitplan ohne viel Vorwarnung vorziehen.
Diejenigen, die von dieser Unvorhersehbarkeit am wenigsten erschüttert werden, sind diejenigen, die einen Teil der Identitäts-, Fähigkeits- und Beziehungsarbeit, die diese Reihe beschrieben hat, oft eher beiläufig bereits erledigt haben, lange bevor es dafür einen konkreten Anlass gab.
Was beginnen kann, bevor es jemand bemerkt
Es geht um Arbeit, die still, unaufgeregt, ohne großen Zeitaufwand und neben dem beruflichen Alltag erfolgen kann.
- Identität: Für sich selbst realisieren, welche Teile des beruflichen Selbst auch ohne den Titel Bestand haben, wie solides Urteilsvermögen, Ruhe unter Druck, die Fähigkeit, komplizierte Situationen zu vereinfachen, oder der Umgang mit Persönlichkeiten aller Art. All das gehört der Person, nicht dem Briefkopf. Das für sich selbst zu erkennen, nimmt der Sorge vor dem „Danach“ viel von ihrer Kraft.
- Fähigkeiten: Nach kleinen, risikoarmen Experimenten suchen, bei denen man eine Fähigkeit außerhalb des gewohnten Kontextes einsetzt – einfach aus Spaß. Zum Beispiel informelles Mentoring außerhalb der Kanzlei, die Mitwirkung in einem Ausschuss oder die Beratung eines Unternehmens aus Verbundenheit, nicht als Mandat. All dies testet bereits im Kleinen, ob eine Fähigkeit über die Kanzlei hinaus trägt und Freude bereitet.
- Netzwerk: Mit Menschen in Kontakt bleiben, weil die Beziehung es wert ist, gepflegt zu werden – nicht, weil ein Mandat es erfordert. Solche Beziehungen lassen sich mit einer gelegentlichen Nachricht weit leichter erhalten als später aus dem Nichts wieder aufbauen, wenn sie neue Perspektiven eröffnen könnten.
- Finanzen: Ehrlich – und nicht nur mit einem vagen Gefühl von Sicherheit oder Unsicherheit – verstehen, was ein Karriereende finanziell bedeutet, welche Rolle das Geldverdienen später noch spielen soll oder muss und wie sich dadurch die Bandbreite der Optionen verändert. Wer diese Rechnung nie gemacht hat, ist vielleicht selbst ohne finanzielle Not verunsichert und tendiert dazu, das zu wählen, was am sichersten aussieht – unabhängig davon, ob es die erfüllendste Wahl ist.
- Das ehrliche Gespräch: Irgendwann, deutlich bevor es dringend wird, mit einer Vertrauensperson oder in professioneller Begleitung darüber sprechen, was ein Karriereende bedeutet und wie man das „Danach“ gestalten könnte. Ein solches Gespräch lässt sich ohne unmittelbaren Druck weit leichter führen als mitten in einem Ausscheidensprozess. Das ist ein professioneller Ansatz, wie man ihn jahrelang beruflich praktiziert hat – keine Schwäche.
Vorbereitung als Gewohnheit, nicht als Projekt
Nichts davon muss nach einem festen Zeitplan oder als einzelnes, bewusstes Projekt geschehen. Es ähnelt eher einer Gewohnheit fortlaufender, ehrlicher Aufmerksamkeit: regelmäßig bemerken, was auch ohne den Job Bestand hätte, was einem wichtig ist und was nicht – und warum.
Die folgenden Fragen lohnt es sich, fortlaufend und in unterschiedlichen Zusammenhängen zu stellen, lange bevor das Karriereende unmittelbar bevorsteht:
- Wenn meine Position früher als geplant enden würde, was würde ich mir wünschen, bereits begonnen zu haben?
- Welchen einzelnen Teil meiner Identität, meiner Fähigkeiten oder meines Netzwerks habe ich seit Jahren nicht mehr berührt, einfach weil es keinen unmittelbaren Anlass dafür gab?
- Weiß ich tatsächlich, was ein Karriereende finanziell erfordern würde, oder habe ich nur ein allgemeines Gefühl von Sicherheit oder Unsicherheit?
- Mit wem würde ich ein ehrliches Gespräch darüber führen, was das „Danach“ bedeutet, und wann habe ich es zuletzt geführt?
- Wie stelle ich mir mein Leben und mich selbst als Person im hohen Alter vor? Wie möchte ich auf andere wirken? Wie möchte ich mich selbst fühlen, und worauf möchte ich mit Stolz zurückblicken – einschließlich der Zeit nach der klassischen Karriere?
Für diese und ähnliche Fragen gibt es keinen perfekten Zeitpunkt, und man muss nicht alle auf einmal beantworten. Geduldig gestellt und immer wieder aufgegriffen, leisten sie eine eigene, stille Arbeit: Lange bevor ein Übergang eintritt, formen sie bereits jemanden, der darauf vorbereitet ist – nicht, weil jedes Detail geplant wurde, sondern weil Identität, Fähigkeiten, Beziehungen und Offenheit für anderes schon Jahre hatten, um Wurzeln zu schlagen. Das lässt ein nächstes Kapitel weniger wie ein Ende und mehr wie einen Anfang erscheinen, der längst begonnen hat.




