von Dr. Ulf Mainzer Lehrbeauftragter/Liberaler/FDP Kreisvorsitzender Düsseldorf
Mit 60 endete für mich nach fast 18 Jahren die Zeit im Vorstand der ERGO. So sehen es die Regeln des Unternehmens vor. Ich fand das immer richtig, Generationenwechsel sollten eher früher als später stattfinden. Ich habe die Arbeit gemocht, gern mit den Menschen zusammengearbeitet und durfte eine erfolgreiche und erfüllende Zeit erleben. Oft bedeutete das 80, manchmal mehr Arbeitsstunden pro Woche.
Heute blicke ich gern auf diese Jahre zurück. Und ich bin ebenso froh, dass sie vorbei sind. Beides stimmt.
Dass ich einmal fast zwei Jahrzehnte in der internationalen Versicherungswirtschaft verbringen würde, hätte ich früher selbst nicht geglaubt. Ich komme weder aus der Finanzbranche noch war das mein Plan. Als Jurist mit betriebswirtschaftlicher Ausbildung war ich zunächst in unterschiedlichen Unternehmen und Branchen unterwegs. Vor dreißig Jahren hätte ich jede Wette verloren, wenn jemand behauptet hätte, ich würde einmal als Vorstand eines Versicherungskonzerns in den Ruhestand gehen.
Es kam anders. Und es war gut so.
Durch meine lange Unternehmenszugehörigkeit begann die Altersversorgung bereits mit 60. Das Ausscheiden kam also weder überraschend noch ungelegen. Im Gegenteil: Ich freute mich darauf, noch einmal etwas völlig Neues zu beginnen.
Der Plan: Balance statt Karriere
Vor mir lagen zwei mögliche Wege.
Den einen wählen viele ehemalige Vorstände: Aufsichtsräte, Beratungsmandate, vielleicht noch einmal ein Vorstandsposten. Möglich wäre das alles gewesen. Ich wollte das Gegenteil. Raus aus der Corporate World. Nicht ein bisschen, sondern möglichst vollständig.
Stattdessen hatte ich Lust ein anderes Leben zu beginnen. Ich wusste bereits, dass ich einen Lehrauftrag an der Heinrich-Heine-Universität übernehmen würde, an der ich schon seit vielen Jahren unterrichte. Lehre hat mir immer Freude gemacht. Erfahrungen weiterzugeben und mit Studierenden zu arbeiten, empfinde ich bis heute als großes Privileg. Mit Vorbereitung umfasst das inzwischen zehn bis zwölf Stunden pro Woche.
Parallel dazu studiere ich selbst Philosophie. Für mich die Erfüllung eines alten Wunsches.
Weitergeben, was man weiß. Lernen, was man noch wissen sollte.
Und dann war da noch der Sport.
Viele Jahre gehörten Triathlon, Marathonläufe und Radrennen wie der Ötztaler Radmarathon zu meinem Leben. Zehn bis fünfzehn Trainingsstunden pro Woche waren die Normalität. Immer mit einem konkreten Ziel vor Augen.
Aus der Kombination entstand mein persönliches Modell für den neuen Lebensabschnitt: ein Gleichgewicht zwischen Kopf und Körper. Dazu Zeit für die Familie. Unsere beiden Töchter – eine geht noch zur Schule – sollten ihren Vater häufiger sehen als in den Jahren zuvor.
Der Plan war erstaunlich schlicht. Und er funktionierte. Zumindest fast.
Der überraschende Teil
Denn dann kam etwas dazu, das in keinem Plan vorkam: Die Politik.
Vor einigen Jahren war ich bereits Mitglied der FDP gewesen. Während der Ampelkoalition trat ich aus. Unmittelbar nach dem Ausscheiden der Partei aus dem Bundestag trat ich wieder ein. Mein Gedanke war einfach: Das kann nicht das Ende des politischen Liberalismus gewesen sein.
Kurz darauf klingelte das Telefon. Die FDP arbeitete an einem neuen Grundsatzprogramm. Aus meiner früheren Verbandsarbeit kannte ich einige Menschen in Berlin, die an der Schnittstelle von Politik und Wirtschaft tätig waren. Die Frage war knapp: „Hast du Lust mitzuarbeiten? Deine Erfahrung in Wirtschafts-, Sozial- und Arbeitsrecht könnten wir gut gebrauchen.“ Ich sagte zu.
Rückblickend war das vermutlich der Moment, an dem alles begann. Ich dachte mir: Wenn du schon an einem Grundsatzprogramm mitarbeitest, solltest du vorher wissen, was die Menschen in deiner eigenen Partei beschäftigt. Also schrieb ich die Düsseldorfer Ortsverbände an. Sie luden mich ein. Ich machte eine kleine Tour durch die Stadt und besuchte einen Verband nach dem anderen. Und irgendwann ging es plötzlich nicht mehr um das Grundsatzprogramm.
Mehrere Mitglieder fragten mich, ob ich mir vorstellen könne, im Kreisverband Verantwortung zu übernehmen und an einem Neustart der Düsseldorfer FDP mitzuwirken.
Die ganze Person steht zur Debatte
Aus Gesprächen wurde schließlich eine konkrete Frage: Ob ich bereit wäre, für den Kreisvorsitz zu kandidieren.
Die Düsseldorfer FDP befand sich damals in einer schwierigen Phase. Viele Mitglieder wünschten sich nach Jahren einer als taktisch, weniger offen und zu wenig integrierend empfundenen Führung einen Neuanfang. Ich habe lange gezögert, meine Sehnsucht nach Bühne und Aufmerksamkeit hält sich in überschaubaren Grenzen.
Am Ende habe ich kandidiert. Und gewonnen.
So ein parteiinterner Wahlkampf ist eine interessante Erfahrung. Anders als im Berufsleben steht plötzlich nicht mehr nur die eigene Arbeit zur Diskussion, sondern die ganze Person. Jeder bildet sich ein Urteil. Jeder darf es äußern. Man wird gelobt, kritisiert, missverstanden und manchmal auch überraschend treffend eingeschätzt. Das gehört dazu.
Im Unternehmen bewegt man sich meist in einem vertrauten Umfeld. Man kennt die Spielregeln, die Sprache und die Erwartungen. Politik funktioniert anders. Sie ist öffentlicher, unmittelbarer und deutlich weniger berechenbar. Und sie ist demokratischer. Das klingt selbstverständlich, verändert aber erstaunlich viel.
Demokratische Prozesse sind selten die effizientesten. Zum Glück. Ihr Zweck besteht nicht darin, möglichst schnell Entscheidungen zu treffen, sondern möglichst viele Perspektiven einzubeziehen. Wer aus der Wirtschaft kommt, muss sich daran erst gewöhnen. Ich jedenfalls musste es.
Ein Betrieb, der nicht nach Effizienz funktioniert
Meine Frau stellt mir regelmäßig dieselbe Frage: „Wie viel Zeit willst du eigentlich noch in Politik investieren?“ Die berechtigte Antwort lautet: mehr, als ursprünglich geplant.
Vor allem Kommunikation kostet Zeit. Das Telefon steht selten still. Düsseldorf gehört zu den größeren Kreisverbänden der FDP, und über den Landesvorstand landet man schnell bei Themen, die weit über die Stadt hinausreichen. Plötzlich hat man nicht mehr drei Projekte gleichzeitig, sondern dreißig.
Mein erster Reflex war vertraut: Aufgaben verteilen, Zuständigkeiten festlegen, Termine vereinbaren. Frei nach dem Muster: Du machst das, ich kümmere mich darum und nächsten Mittwoch ist alles erledigt. Diesen Versuch unternimmt man genau zweimal. Danach weiß man, dass Politik anders funktioniert.
Nicht schlechter. Nur anders.
Die meisten Menschen arbeiten ehrenamtlich. Sie haben Berufe, Familien, Urlaube und manchmal schlicht Themen, die wichtiger sind als die Tagesordnung einer Vorstandssitzung. Das vergisst man leicht, wenn man jahrzehntelang in einer Welt gearbeitet hat, in der Termine Teil des Arbeitsvertrages sind.
Also lernt man umzudenken.
Prioritäten setzen. Nicht zwanzig Themen gleichzeitig beginnen, sondern zwei oder drei wirklich zu Ende bringen. Sich über Fortschritte freuen, statt sich über alles zu ärgern, was noch nicht erledigt ist.
Und vor allem: den Einsatz derjenigen wertschätzen, die ihre Freizeit investieren. Das Ehrenamt lebt nicht von Weisungen. Es lebt von Motivation. Diese Erkenntnis ist übrigens auch für Manager nicht völlig wertlos.
Drei sind eins zu viel
Ich bin noch immer dabei, mein neues Leben auszubalancieren.
Lehren, studieren und Sport – eigentlich sind das schon drei große Projekte. Das Problem ist nur: Ich mache alle drei ausgesprochen gern. Deshalb habe ich zunächst den Sport etwas reduziert. Nicht dramatisch, aber so weit, dass er wieder Erholung ist und nicht Terminplan. Ob das auf Dauer reicht, weiß ich nicht. Irgendetwas wird vermutlich irgendwann weichen oder deutlich reduziert werden müssen.
Warum ich mir das antue
Die Politik ist für mich mehr als ein Ehrenamt. Sie bietet etwas, das in vielen Lebensbereichen selten geworden ist: die Möglichkeit, tatsächlich etwas zu verändern. Und sie ist ein permanentes Lernfeld.
Ich habe mein Berufsleben in Organisationen verbracht, die Entscheidungen vergleichsweise schnell treffen konnten. Politik funktioniert anders. Sie ist langsamer, widersprüchlicher, aber auch deshalb ist sie spannend. Demokratie lebt davon, dass unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen und Kompromisse gefunden werden. Das kostet Zeit. Und gelegentlich auch Nerven.
Ich möchte gestalten. Das war im Berufsleben so, und das ist heute nicht anders. Gleichzeitig genieße ich es, wieder Anfänger zu sein. Ich lerne jeden Tag dazu – über politische Prozesse, über Menschen und nicht zuletzt über mich selbst. Stehenbleiben war noch nie meine Stärke.
Mit der Wahl zum Kreisvorsitzenden haben mir die Mitglieder Vertrauen geschenkt. Dieses Vertrauen empfinde ich als Verpflichtung. Wer gewählt wird, schuldet den Menschen, die ihn gewählt haben, seinen vollen Einsatz. Klingt sicher ein wenig altmodisch, aber da bin ich vermutlich ziemlich preußisch.
Was ich anderen raten würde
Wenn jemand meinen Weg liest und denkt: Das könnte auch etwas für mich sein, dann hätte ich zwei Tipps.
Der erste lautet ganz schlicht: Einfach machen. Nicht irgendwann. Jetzt.
Die meisten Menschen warten darauf, gefragt zu werden. Ich glaube, das muss nicht sein. Wer sich engagieren möchte, sollte sich nicht andienen, aber anbieten. Der Unterschied ist größer, als man zunächst denkt. Einfach mitarbeiten. Zuhören. Mit anpacken. Ohne den Anspruch, gleich eine Funktion oder einen Titel zu bekommen. Der Rest ergibt sich dann oft erstaunlich schnell.
Eine Bedingung halte ich allerdings für wichtig. Politik sollte niemals der einzige Lebensmittelpunkt werden. Wer ausschließlich über Partei, Mandat oder Amt Anerkennung, Freundschaften oder gar seine wirtschaftliche Existenz definiert, begibt sich in eine Abhängigkeit, zu der ich niemand raten würde. Schnell wird dann jede Niederlage, jede pointierte Stellungnahme, jede Bereitschaft zum Konflikt, existenziell.
Deshalb halte ich eine gewisse Unabhängigkeit für einen großen Vorteil. Sie ermöglicht Gelassenheit und macht es leichter, auch einmal eine unbequeme Meinung zu vertreten. Politik braucht Menschen, die etwas zu verlieren haben. Nicht Menschen, die ohne Politik alles verlieren würden.
Natürlich hört man auch Sätze wie: „Der hat zwanzig Jahre Ortsvereinsarbeit übersprungen.“ Das stimmt sogar. Politik ist auch ein Handwerk. Sie braucht Menschen, die Plakate kleben, Versammlungen organisieren, Protokolle schreiben und die berühmten Schrauben des Betriebs festziehen. Ohne sie funktioniert gar nichts. Gleichzeitig lebt jede Organisation davon, dass auch Menschen von außen dazukommen. Mit anderen Erfahrungen. Mit anderen Fragen. Mit einem unverstellten Blick.
Beides gehört zusammen.
Mein zweiter Rat lautet: Gut auf sich selbst achten.
Politik entwickelt eine erstaunliche Sogwirkung. Es gibt immer noch einen Termin, noch ein Telefonat, noch eine Sitzung, noch eine Nachricht, auf die man eigentlich sofort reagieren müsste. Daraus wird schnell ein Vollzeitjob. Ich bin dankbar, dass ich schon vorher ein Leben hatte, das mich erfüllt hat: meine Familie, die Universität, das Studium und den Sport. Diese Anker helfen mir bis heute. Sie erinnern mich daran, dass Politik wichtig ist – aber eben nicht alles.
Politik würde mühelos den gesamten verfügbaren Raum einnehmen. Man kann, muss ihr diesen Raum aber nicht geben.
Was ich nicht erwartet hätte
Die interessantesten Entwicklungen im Leben sind selten die, die man minutiös plant. Sie entstehen, weil man einmal „Ja“ sagt. Zu einem Anruf. Zu einer Einladung. Zu einer Aufgabe, von der man zunächst gar nicht weiß, wohin sie führt. Ich habe viele Jahre in einer Welt gearbeitet, in der Planung, Zielerreichung und Verlässlichkeit zu den wichtigsten Tugenden gehörten.
Heute weiß ich: Nicht alles, was das Leben bereithält, lässt sich planen.
Zum Glück.
Ich blicke gern auf meine Zeit in Unternehmen zurück. Sie hat mich geprägt, sie hat mir viel ermöglicht und sie hat mich auf vieles vorbereitet. Vor allem aber hat sie mir die Freiheit gegeben, nach ihrem Ende noch einmal etwas ganz Neues anzufangen.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieser Geschichte. Der Ruhestand ist kein Ort. Er ist eine Gelegenheit. Eine Gelegenheit, noch einmal Schüler zu werden. Noch einmal Verantwortung zu übernehmen. Noch einmal anzufangen.
Ich jedenfalls habe nicht vor, damit so bald aufzuhören.
Dr. Ulf Mainzer war fast zwei Jahrzehnte lang Mitglied des Vorstands der ERGO und schied dort planmäßig mit 60 aus. Er war viele Jahre stellvertretender Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes seiner Branche und hat die großen Tarifverträge der Finanzdienstleistung mitverhandelt. Heute lehrt er als Dozent an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, studiert selbst Philosophie und engagiert sich als Vorsitzender der Düsseldorfer FDP sowie im Landesvorstand. In seiner Freizeit macht er Ausdauersport.


